Unter den vielen Opfern und Verlierern der Corona-Krise sticht die Airline-Industrie heraus. Kein anderer grosser Sektor ist so hart getroffen, fast alle Fluggesellschaften sind auf staatliche Hilfen angewiesen. Manche werden die Krise nicht überleben.

In diese Kategorie gehört wohl die norwegische Billigfluglinie Norwegian: Ihr drohe schon Anfang 2021 das Geld auszugehen, sagte ihr Chef Anfang dieser Woche.

Es ist bei weitem nicht der einzige Kandidat für eine Pleite – die Agentur «Bloomberg» hat eine ganze Reihe davon ausgemacht, basierend auf dem Altman-Z-Insolvenzprognose-Verfahren.
 

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Für die Schweiz wichtige «Carrier» sind nicht darunter. Aber wie steht es um diese Anbieter – wie tief ist ihre Flughöhe? Eine Kurzanalyse.

Swiss

Der Swiss geht es nach wie vor sehr schlecht. Über 400 Millionen Franken betrug ihr Betriebsverlust für die ersten neun Monate – und auch die Aussichten sind trübe: In den Wintermonaten wird sie nur einen Viertel so viele Passagiere transportieren wie vor einem Jahr, 2021 dürfte das Geschäft nur langsam anziehen.

Das alles schlägt sich in der Erfolgsrechnung nieder: 1,5 bis 2 Millionen Franken verliert die Swiss derzeit pro Tag.

Die Zahl wirkt dramatisch, aber die Swiss beruhigt: Es sei genügend Geld vorhanden, versicherte Finanzchef Markus Blinket letzte Woche. Das Überleben garantieren die Schweizer Steuerzahlenden: Sie bürgen für einen Grossteil des Bankkredits von 1,5 Milliarden Franken, den die Swiss und Tochter Edelweiss seit dem Frühling beziehen können. Auch die Angestellten leisten einen Beitrag: Sie verzichten auf Lohn – allerdings fallen in den nächsten Monaten dennoch 1000 Stellen weg.

Die Fakten zur Krise

Verluste der Airlines: 84,3 Mlliarden Dollar

Rückgang der Einkünfte: -50 Prozent

Rückgang der Nachfrage: -66 Prozent (Personenkilometer)

Rückgang des Flugangebots (in Sitzen, September): - 51 Prozent

Prognose für 2021: 50 Prozent weniger Einnahmen als vor der Krise

Quelle: IATA, Vergleich 2020 - 2019

Lufthansa

Ähnlich schwierig wie bei Swiss ist die Lage ihrer deutschen Muttergesellschaft: Der Lufthansa-Konzern hat seit Jahresbeginn einen Verlust von 5,6 Milliarden Euro eingeflogen.

Diese Woche hat Lufthansa 600 Millionen Euro am Finanzmarkt bezogen – das finanzielle Polster soll zusammen mit den Hilfen mehrerer Staaten von insgesamt 9 Milliarden Euro das Überleben sichern.

«Wir sehen uns in einer starken Liquiditätsposition - nicht nur in diesem Winter, sondern auch 2021», gibt sich Konzernchef Carsten Spohr zuversichtlich. Etwas weniger optimistisch sieht Spohr die Entwicklung des Geschäfts: Frühestens 2025 würden die Jets so voll wie vor der Krise. «Die Menschen haben weltweit grosse Sehnsucht, bald wieder zu reisen.»

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Bei vielen Airlines war das Konkursrisiko schon vor Corona hoch

Helvetic

Helvetic machte im Sommer mit einem neuartigen Angebot von sich reden: Die Airline wollte das gewohnte Streckennetz kurzfristig um neue Destinationen erweitern mit sogenannten «Pop-up»-Flügen. Weil sich die Pandemie wieder zuspitzte, musste Helvetic dieses Angebot aber für den Moment wieder einstellen.

Im Winterflugplan wird die Fluggesellschaft nur 30 Prozent ihrer Kapazität nutzen und vor allem Charterflüge und Flüge für die Partnerin Swiss durchführen. Weitere Zahlen gibt die Fluggesellschaft auf Anfrage keine bekannt: Die finanzielle Situation sei «solide». Im Gegensatz zu Swiss verzichtete Helvetic auf Staatshilfe – mit Milliardär Martin Ebner hat die Airline allerdings auch einen äusserst zahlungskräftigen Besitzer.

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Chair Airlines

Die noch junge Anbieterin mit einer Flotte von lediglich drei Airbus A319 dürfte stark unter der Krise leiden. Letzte Informationen gab sie im Frühling preis – damals machte sie mit Rückholflügen für die Schweiz etwas Umsatz im Lockdown. Zur aktuellen Situation äussert sie sich nicht.

Podcast-Tipp

Wir leben in sehr volatilen und unsicheren Zeiten: Wie viele Lockdowns, Öffnungen und Mini-Lockdowns können wir uns noch leisten? Mehr dazu im Podcast «HZ Insights».

Easyjet

Die Corona-Krise hat der Billigflug-Gesellschaft den ersten Verlust in der 25-jährigen Geschichte beschert – umgerechnet fast eine Milliarde Euro hoch war der Verlust im Geschäftsjahr per Ende September.

Easyjet drückt die gleichen Hebel wie andere Airlines: Die Briten streichen Tausende Jobs, verkaufen Jets und mieten sie zurück. Und sie bitten Staaten um Hilfe – in der Schweiz allerdings ohne Erfolg. Hierzulande fallen in Genf und Basel 70 Stellen weg. Für die Zukunft zeigt sich Easyjet vergleichsweise optimistisch: Bereits 2023 sollen die Zahlen von 2019 erreicht werden können.

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Emirates

Auch Emirates machte dieses Jahr den ersten Verlust seit über 30 Jahren – das Minus im ersten Geschäftsjshalbjahr per Ende September betrug 3,8 Milliarden Dollar. Für den weltgrössten Anbieter von Langstreckenflügen hat die Pandemie drastische Folgen.

Der Konzern entliess seit dem Frühling 26'000 Angestellte, vor allem Pilotinnen und Flugbegleiter. Sorgen um seine Zukunft muss sich Emirates dennoch nicht machen. Der Airline-Gigant wird vom Golfemirat Dubai finanziert – und für die Wirtschaft des kleinen Staats nimmt die staatliche Airline eine tragende Rolle ein – der riesige Flughafen hält ganze Sektoren am Leben.

American, United

Die US-Gesellschaft American Airlines meldet ebenfalls Milliarden-Verluste. Für das dritte Quartal präsentierte sie ein Minus von 2,4 Milliarden Dollar. Sie verliert täglich grosse Summen Geld. 44 Millionen Dollar waren es im dritten Quartal durchschnittlich. Kaum besser steht es um United Airlines: Die zweite US-Airline mit starker Präsenz in Zürich hat im dritten Quartal einen Verlust von 2,37 Milliarden Dollar eingeflogen.

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British Airways, Air France

Bei British Airways-Mutterkonzern IAG beträgt der Betriebsverlust im dritten Quartal 1,3 Milliarden Euro. Besonders schlecht geht es Air France-KLM: Die französisch-niederländische Airline machte in den Sommermonaten einen Betriebsverlust von 1,05 Milliarden Euro. Dank staatlicher Rettungspakete hat sie noch 12,4 Milliarden Euro an Cash. Doch die Reserven schmelzen dahin - allein zwischen Juni und September verbrannte sie 1,22 Milliarden Euro.

Mit Material von Reuters, awp, Bloomberg.