Schwierige Zeiten für den Basler Pharmakonzern: Ende August musste Novartis die weitere Entwicklung des Antiinfektionsmittels Aurograb einstellen und damit 235 Mio Dollar abschreiben. Weit problematischer ist aber möglicherweise ein Artikel in der renommierten Fachzeitschrift «Nature». In der Ausgabe vom 14. August kommen Forscher zum Schluss, der Novartis-Wirkstoff FTY720 erhöhe die körpereigene Immunabwehr. FTY720 ist geplant für den Einsatz gegen Multiple Sklerose (MS). Bei dieser Krankheit greift die körpereigene Immunabwehr die Myelinschichten um die Nervenzellen an und verursacht so schwere Schädigungen des Nervensystems.
Bisher ging man davon aus, FTY720 dämpfe das Immunsystem. Gemäss einer Studie der Zürcher Kantonalbank (ZKB) könnte das Ergebnis des «Nature»-Artikels das Ende von FTY720 bedeuten. «Es war für alle schon immer ein Mysterium, wie genau FTY720 wirkt», sagt Michael Nawrath, Mediziner und als ZKB-Analyst Autor der Studie, «zudem zeigten sich mit dem Wirkstoff von Anfang an immer wieder Probleme.»
Falls sich FTY720 als Flop erwiese, wäre das ein schwerer Schlag für Novartis. Im letzten Jahr wurden für MS-Medikamente 7,75 Mrd Dollar ausgegeben, und der Markt wächst um jährlich 5%. Heute wird MS hauptsächlich mit Interferon behandelt, das infiziert werden muss und für die Patienten äusserst unangenehme Nebenwirkungen hat. FTY720 dagegen könnte mit einer Pille eingenommen werden.
Dringend auf Erfolge angewiesen
Das Potenzial des Wirkstoffs wäre bei einem Erfolg entsprechend hoch: Auf 2,5 Mrd Dollar würde sich laut Michael Nawrath der Umsatz im Jahr 2014 belaufen. Ab einem Milliardenumsatz gilt ein Medikament als Blockbuster. FTY720 hätte dann einen Marktanteil von 20%.
Dieser projizierte Umsatz entspräche immerhin fast 10% des letztjährigen Umsatzes von 24 Mrd Dollar in der Pharmasparte von Novartis. Kommt dazu, dass dieser Umsatz wegen Patentabläufen wichtiger Produkte ohnehin unter Druck gerät: Der Blutdrucksenker Diovan, mit einem Jahresumsatz von mehr als 5 Mrd Dollar das wichtigste Produkt von Novartis, verliert 2012 seinen Patentschutz.
«Absoluter Blödsinn»
Daniel Vasella, Präsident des Verwaltungsrats und CEO von Novartis, zeigt sich dennoch gelassen: «Die Publikation in ‹Nature› hat zu einem Sturm im Wasserglas geführt», sagt er und ergänzt: «Aus Sicht der Praxis hat das Ergebnis für uns bisher keinerlei Bedeutung.» Dass hier ein möglicher Blockbuster gescheitert sein könnte, bezeichnet er als «absoluten Blödsinn». Vasella betont: «Die Wirkungen von FTY720 auf die MS-Patienten sind sehr gut, scheitern kann der Wirkstoff nur noch an Nebenwirkungen, die sich in der weiteren Forschung zeigen könnten.»
Schliesslich hat der Fachartikel in «Nature» auch ein für Novarits ermutigendes Resultat gezeigt: «Zumindest in Mäusen und in niedrigen Dosierungen wirkt FTY720 gegen Viren», sagt Daniel Vasella, «das ist sehr positiv, da epidemiologische Daten darauf hinweisen, dass bei MS ein infektiöses Agens mit eine Rolle spielt.»
Selbst wenn das Medikament bei MS doch noch durchfallen würde, bliebe so die Hoffnung, dass es gegen Infekte eingesetzt werden könnte.
Der Einwand, dass in diesem Fall das Absatzpotenzial kleiner sein könnte, lässt Paul Herrling, Forschungschef von Novartis, nicht gelten: «Von Glivec hat man einst auch geglaubt, es würde nur von wenigen Patienten nachgefragt.» Das Leukämie-Medikament ist mit einem Jahresumsatz von mehr als 3 Mrd Dollar heute das zweitwichtigste Produkt von Novartis.