Die Krise ist da. Und vieles deutet darauf hin, dass wir im weiteren Jahresverlauf eine schwache U-förmige Erholung sehen werden. Doch ihr wird eine L-förmige «Grössere Depression» noch in diesem Jahrzehnt folgen. Dies liegt in mindestens fünf riskanten Trends begründet.

Der erste Trend betrifft Defizite und die daraus resultierenden Risiken: Schulden und Zahlungsausfälle. Die politische Antwort auf die Covid-19-Krise umfasst eine massive Erhöhung der Haushaltsdefizite in der Grössenordnung von 10 Prozent vom BIP oder mehr – und das in einer Zeit, in der die Staatsverschuldung in vielen Ländern bereits hoch, wenn nicht gar untragbar ist.

Eine demografische Zeitbombe

Schlimmer noch: Die Einkommensverluste vieler Haushalte und Firmen bedeuten, dass auch das Schuldenniveau im privaten Sektor untragbar wird, was zu massen­weisen Zahlungsausfällen und Konkursen führen wird.

Nouriel Roubini ist Professor an der Stern School of Business der New York University. Vor seiner Professur war der Ökonom Berater des US-Finanzministeriums. Bekannt wurde Roubini als «Dr. Doom», nachdem er ab 2004 vor einem Platzen der Immobilienblase in den USA gewarnt hatte und 2008 meinte, dass mit der Pleite von Bear Stearns gerade erst eine grosse Finanzkrise begonnen habe.

Ein zweiter Faktor ist die demografische Zeitbombe. Die Corona-Krise zeigt, dass staatlicherseits viel mehr Geld in die Gesundheitssysteme fliessen muss und dass eine universelle Krankenversicherung und andere entsprechende öffentliche Güter Notwendigkeiten und kein Luxus sind.

Doch weil die meisten entwickelten Länder alternde Gesellschaften aufweisen, wird die künftige Finanzierung dieser Ausgaben die verdeckten Schulden der heutigen umlagefinanzierten Gesundheits- und Sozialversicherungssysteme weiter erhöhen.

Ein drittes Problem ist die zunehmende Deflationsgefahr. Die derzeitige Krise verursacht neben einer ­tiefen Rezession zudem eine massive Flaute auf den Waren- (ungenutzte Maschinen und Kapazitäten) und Arbeitsmärkten (Massenarbeitslosigkeit) und befeuert einen Preiseinbruch bei Rohstoffen wie Öl und Indus­triemetallen. Dies macht eine Schuldendeflation wahrscheinlich, was das Insolvenzrisiko erhöht.

Die globale Wirtschaft wird digital destabilisiert

Ein vierter Faktor wird die Währungsabwertung sein. Die Notenbanken werden bei ihren Versuchen, die Deflation zu bekämpfen und die Gefahr steil steigernder Zinsen abzuwenden (die sich aus dem massiven Schuldenaufbau ergibt), eine sogar noch unkonventionellere und weitreichendere Geldpolitik verfolgen.

Kurzfristig werden die Regierungen monetisierte Haushaltsdefizite fahren müssen, um eine Depression und eine Deflation zu vermeiden. Im Laufe der Zeit jedoch werden die fortdauernden negativen Angebotsschocks durch die beschleunigte Entglobalisierung und den neuerlichen Protektionismus eine Stagflation praktisch unvermeidlich machen.

Ein fünftes Problem ist die umfassendere digitale Destabilisierung der Wirtschaft. Da Millionen von Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren oder weniger verdienen, werden Einkommens- und Vermögensunterschiede im 21. Jahrhundert weiter zunehmen.

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Um sich gegen künftige Erschütterungen der Lieferketten abzusichern, werden viele Unternehmen in den hoch entwickelten Ländern die Produktion aus preiswerteren Regionen in ihre kostenintensiveren Heimatmärkte zurückverlagern.

Doch wird dieser Trend nicht den hei­mischen Arbeitnehmenden helfen, sondern das Tempo der Automatisierung beschleunigen, was die Löhne ­unter Druck setzen und die Flammen des Populismus, Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit weiter anfachen wird.

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