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Rekordverlust für die CS – Zehn Thesen der Redaktion für 2023

Fabienne Kinzelmann
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Von Fabienne Kinzelmann, Peter Rohner, Seraina Gross, Bernhard Fischer und Tina Fischer
am 29.12.2022 - 08:01 Uhr

Pharma, China, Rezession: Was mit dem Jahreswechsel auf uns zukommt.

Quelle: Getty Images/iStockphoto

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Welche Themen prägen das nächste Jahr die Wirtschaft? Der persönliche Ausblick der «Handelszeitung»-Redaktion.

Alzheimer
Foto: Keystone
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1. Kleine grosse Alzheimer-Fortschritte

Kein Jahr zum Vergessen: Die amerikanische Arzneimittelbehörde wird Lecanemab zulassen. Das Medikament, das von der japanischen Eisai in Zusammenarbeit mit Biogen entwickelt wurde, ist das erste, bei dem erwiesen ist, dass es den Abbau der kognitiven Fähigkeiten verlangsamen kann.

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Ich tippe aber, dass wir mit dem Wirkstoff des amerikanischen Pharmaunternehmens Eli Lilly nochmals einen Schritt weiterkommen bei der Behandlung dieser verheerenden Krankheit. Die Studienresultate sollen bis Mitte des Jahres vorliegen.

Ein Durchbruch? Selbst wenn es den Amerikanern gelingen sollte, mit dem Duo Eisai/Biogen gleichzuziehen oder sogar noch bessere Resultate vorzulegen: Bis Alzheimer gut behandelt werden kann, ist es noch ein weiter Weg. (Seraina Gross)

Aiway
Foto: Aiway
Foto: Aiway
2. Jetzt gerät der Schweizer Automarkt in Bewegung

Sie heissen Nio, Aiway, BYD, Great Wall und Lucid. Und sie sind grösstenteils «Made in China», denn von dort rollt die kleine Welle neuer Autos heran. Ein halbes Dutzend Marken wird hierzulande starten oder hat das Debüt schon hinter sich. 

Noch sind sie auf Schweizer Strassen kaum zu sehen. Aiway, die Pionierin unter den Neuen, konnte in den ersten elf Monaten 2022 nur bescheidene 44 Fahrzeuge verkaufen. 

Aber die Auto-Nation China wird auf unserem Kontinent den Durchbruch schaffen. Die Emil Frey Gruppe hat sich bereits darauf eingestellt und wird die Marke Great Wall in Europa exklusiv vertreiben. (Marc Bürgi)

The logo of Swiss bank Credit Suisse is seen at their headquarters in Zurich, Switzerland on Thursday, October 27, 2022. (KEYSTONE/Michael Buholzer)
Foto: Keystone
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3. Ein Rekordverlust für die CS

Die Credit Suisse sorgte 2022 für viele Schlagzeilen. Eine weitere ist absehbar, wenn die Grossbank am 9. Februar ihr Jahresergebnis vorlegt. Der Nettoverlust dürfte mehr als 7 Milliarden Franken betragen. 2022 verbucht die CS damit den grössten Jahresverlust seit der Finanzkrise. Im Krisenjahr 2008 hatte die CS 8,2 Milliarden Franken Verlust gemacht.

Das Minus für das Annus horribilis 2022 könnte sogar noch grösser ausfallen, wenn die CS einen Abschreiber auf die Sparte Asset Management vornehmen muss. Dass dies geschehen könnte, davor hatte die CS im Finanzbericht für das dritte Quartal gewarnt. Angesichts des absehbaren Monsterverlusts ist die Debatte um Boni und Löhne bereits programmiert. (Holger Alich)

Ein Frachtschiff mit Schotter beladen faehrt in den Hafen ein, waehrend ein Containerschiff diesen in Richtung Norden verlaesst, fotografiert am 10. Juli 2020 am Port of Switzerland - Schweizerische Rheinhaefen in Basel-Kleinhueningen. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Foto: Keystone
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4. Schweizer Industrie erholt sich nicht

Lieferketten bleiben gestört, weil die Häfen der grössten Volkswirtschaften (USA, China, Japan, Deutschland) auch im kommenden Jahr das Nadelöhr bilden. Weil die Konjunktur schwächelt, investieren diese Staaten weniger in den Ausbau der Häfen. Indes werden mehr teure LNG-Terminals gebaut, um sich vom russischen Gas zu lösen. Zudem wird auch 2023 die Inflation nicht ganz herunterkommen.

Die EZB sieht die Zinsschraube als wichtigstes Instrument, um die Preise in der Euro-Zone stabil zu halten. Das primäre Ziel der SNB ist es aber nicht, deshalb die Wechselkurse anzupassen. Denn der starke Franken hilft ihr im Kampf gegen die Teuerung. Zu dem Preis, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Export-Industrie leidet. (Bernhard Fischer)

Thomas Jordan, president of the Swiss National Bank (SNB), arrives for a Bloomberg Television interview following the bank's rate announcement news conference in Bern, Switzerland, on Thursday, June 18, 2020. The Swiss National Bank said aggressive foreign exchange interventions remain its main tool for pushing back against the appreciation in the franc caused by the coronavirus pandemic. Photographer: Stefan Wermuth/Bloomberg
Foto: Bloomberg
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5. Geldpolitik bleibt straff, trotz allem

In der Euro-Zone und dem Vereinigten Königreich schrumpft das reale Bruttoinlandprodukt zwei aufeinanderfolgende Quartale, wahrscheinlich auch in den USA. Die Schweizer Wirtschaft wird ebenfalls gebremst, schrammt aber dank der stabilen Binnennachfrage knapp an einer Rezession vorbei. Hauptgründe für die weltweit schwache Konjunktur sind die hohen Zinsen und das Wegfallen des pandemiebedingten Nachholeffekts.

Trotz nachlassender Wachstumsdynamik straffen die Notenbanken die Geldpolitik weiter, weil die Kerninflation nur langsam zurückgeht. In den USA werden die Leitzinsen auf 5 Prozent steigen und die Kreditnachfrage für grössere Anschaffungen empfindlich dämpfen. Da die Rezession aber nur mild verlaufen wird, werden die Notenbanken diesmal nicht so schnell zu Hilfe eilen und mit Zinssenkungen noch warten. (Peter Rohner)

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Foto: Getty Images
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6. Ein Drittel Frauen auf der obersten Kader-Stufe

Seit 15 Jahren gibt es den Schillingreport. Seit 15 Jahren heisst es in der Führungskräfte-Studie: «Die Anzahl der Frauen in den Topgremien wächst.» Aber sie wächst langsam.

2023 bringt endlich den Durchbruch: Frauen besetzen mehrheitlich freiwerdende Stellen. Die SMI-Konzerne knacken auf Verwaltungsratsstufe die Quote von 33 Prozent, die 100 grössten Unternehmen erreichen den Richtwert von 30 Prozent.

Auf Geschäftsleitungsstufe bleibt die Hürde höher. Aber auch hier läutet das Jahr 2023 einen Wendepunkt ein: Zwei tolle Frauen übernehmen hochkarätige CEO-Positionen. Wer, wo und wann, ist noch offen. Aber es hat so viel Strahlkraft, dass auch andere Firmen nachziehen. Auf VR- und GL-Stufe. Das Umdenken findet statt. In grossen, mittleren und kleinen Unternehmen. (Tina Fischer)

Sparzinsen
Foto: Shutterstock
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7. Wir werden wieder Sparzinsen vergleichen müssen

Dass die Zinsen anziehen, ist bekannt. Dass das auch bei den Konditionen der Banken ankommen wird, ist zumindest zu hoffen. Es wäre deshalb ein Leichtes, hier einfach den Zinsanstieg im Sparsegment vorherzusagen. Doch noch etwas dürfte uns im neuen Jahr beschäftigen: die Suche nach dem besten Konto.

Gab es in der Vergangenheit überall gleich wenig zu holen, wird es künftig wieder deutlichere Unterschiede geben. Denn nicht jede Bank ist gleich stark an Spargeldern interessiert.

Auch werden die Unterschiede zwischen den Kontotypen zunehmen: Kein Zins auf dem Lohnkonto, bis zu 1 Prozent auf Sparkonten, noch mehr für eine Kassenobligation. Und so wird 2023 wohl sogar das Sparkonto bei der Drittbank wieder zum Thema werden. (Michael Heim)

It takes a technical mind to figure it out
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8. Jetzt kommt das Cloud-Jahr

Infrastructure as a Service (IaaS), Platform as a Service (PaaS), Software as a Service (SaaS) – die Liste der Cloud-Service-Modelle ist lang. Und 2023 wird ein Cloud-Jahr. Der Vorteil für die Unternehmen: Hard- und Software binden weitaus weniger Kapital, die Verantwortung für den Betrieb wird ausgelagert, und Innovationen – Stichwort KI – kommen «aus der Steckdose».

Der Vorteil für die Anbieterinnen wie Amazon Web Services, Microsoft Azure Cloud, SAP, Adobe, Google Cloud und Salesforce Service Cloud: Es locken höhere Margen und eine engere Kundinnenbindung. Bis 2024 werden mehr als drei Viertel aller Schweizer Unternehmen mindestens eines der verschiedenen Cloud-Modelle nutzen. (Eckhard Baschek)

China
Foto: Shutterstock
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9. Afrika profitiert vom Systemstreit mit China

Der Westen macht sich unabhängiger von der Volksrepublik. Während Peking mit einer gigantischen Corona-Welle (ein Forscherteam in Hongkong erwartet bis zu eine Million Tote) und einer geschwächten Wirtschaft beschäftigt ist, stellen sich Nordamerika und Europa wirtschaftlich wie diplomatisch gegen Chinas geostrategische Ambitionen, Technologiespionage und eine mögliche Taiwan-Annexion auf. Die USA bringen ihre Halbleiterindustrie mit Milliarden-Subventionen nach vorne, Exporte unterliegen immer stärkeren Kontrollen, und der Kongress will Tiktok verbieten.

Grösster Profiteur der Rivalität: Afrika. Nachdem China dort lange ungehindert seinen Einfluss ausbauen konnte (Stichwort: Neue Seidenstrasse), hofieren nun Washington wie Brüssel den Kontinent. (Fabienne Kinzelmann)

Ernst Tanner, rechts, CEO Lindt & Spruengli, mit Maitre du Chocolat Urs Liecht, links, an einer Medienkonferenz in Kilchberg (ZH) am Freitag, 15. Maerz 2013 ueber das vergangene Geschaeftsjahr. Der Schokoladenhersteller Lindt & Spruengli hat im vergangenen Jahr deutlich mehr verdient. Der Betriebsgewinn kletterte um 10,3 Prozent auf 362,5 Millionen Franken. Unter dem Strich verblieb ein Reingewinn von 271,9 Millionen Franken. (KEYSTONE/Walter Bieri)
Foto: Keystone
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10. Schokoladige Aussichten dank Asien

Ja, man ist verwöhnt, wenn man Lindt-&-Sprüngli-Aktien im Depot hat. Die Schokoladenfabrik ist eine Kursrakete, die nun schon seit drei Jahrzehnten glüht. In den letzten Monaten allerdings ruckelten die Treiber, weil noch nicht alle Probleme im wichtigen US-Markt gelöst sind, in Russland wegen des Ukraine-Angriffs kaum noch etwas läuft und der internationale Tourismus weiter untertourig dreht. 

Trotzdem ist die wohl teuerste Aktie Europas (derzeit 93’000 Franken je Stück) ein Treffer, denn die Kaufkraft in Asien wächst – und damit die Nachfrage nach Schoggi. Zudem hat Firmenpatron Ernst Tanner noch nach jeder Krise in neue Sphären abgehoben. 

Lindt & Sprüngli dürfte nächstes Jahr wieder zulegen. Wie man sich das gewohnt ist. (Stefan Barmettler)