Wie in der gesamten Wirtschaft, steigt auch bei Schweizer Versicherern der Frauenanteil in obersten Führungsgremien Schritt für Schritt. Vakante Führungspositionen werden immer öfter mit Frauen besetzt. 

Immerhin zwei der nur neun weiblichen CEO’s bei grossen Schweizer Firmen leiten Versicherungsunternehmen. Zum Beispiel Michèle Rodoni: Auf Anfang 2021 trat die Tessinerin bei der Mobiliar die Nachfolge von Markus Hongler an. Zuvor war sie seit acht Jahren Mitglied der Geschäftsleitung. Bereits 2016 übernahm Philomena Colatrella die Aufgaben als Geschäftsführerin und Vorsitzenden der Konzernleitung bei der CSS Versicherung.

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Als Verwaltungsratspräsidentin der Groupe Mutuel setzt Karin Perraudin bereits seit 2014 gezielt Akzente für mehr Diversität und zählt zu den einflussreichsten Frauen des Kantons Wallis.

Auch Annelis Lüscher Hämmerli ist eine Neubesetzung als Finanzchefin bei der Helvetia Gruppe. Das Angebot, im Herbst 2020 von ihrer vorherigen Position als Chief Risk Officer bei Swiss Life Asset Managers in die CFO-Position zu wechseln, kam über einen Headhunter. Neben Annelis Lüscher Hämmerli gibt es derzeit nur noch acht weitere Frauen als CFO bei grossen Schweizer Unternehmen. 

Generell stieg der Frauenanteil in den SMI-Geschäftsleitungen letztes Jahr um 5 Prozentpunkte auf 19 Prozent. Und die 100 grössten Schweizer Arbeitgeber besetzten neu 36 Prozent der vakanten Geschäftsleitungspositionen mit Frauen ‒ ein neuer Rekordwert laut dem Schillingreport 2022, den der Kadervermittler Guido Schilling herausgibt.

Hochqualifizierte Frauen in jedem Fachbereich

Den Verwaltungsrat der Zurich Versicherungen mit 55 Prozent Frauenanteil hebt Schilling als «einsame Spitze» und besonders positiv hervor. Zuletzt holte die Zurich die neue Chefin der UBS Schweiz, Sabine Keller-Busse, in den Verwaltungsrat. Bereits seit 2019 ist unter anderem die Ex-CEO des Energiekonzerns Alpiq, Jasmin Staiblin, dort Mitglied, ebenso wie die frühere Finma-Vizepräsidentin Monica Mächler. Diversity-Experte Guido Schilling sagt über den Zurich-VR: «Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich heute für alle Fachkompetenzen qualifizierte Frauen finden lassen, wenn das VR-Präsidium es will.»

Eine Entwicklung ist laut Schilling auffällig: Sobald bereits eine oder zwei Frauen im Verwaltungsrat sitzen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch eine dritte dazustösst. Die Unternehmen würden die Vorteile von gemischten Führungsgremien erkennen und sie weiter fördern.

So stellen sich auch bei weiteren Versicherern die Führungsgremien allmählich diverser auf. Zum Beispiel wurden bei der Bâloise vor kurzem Claudia Dill und Maya Bundt, Frauen mit langjähriger Erfahrung in der Finanzindustrie, als Nachfolge für die bisherigen Verwaltungsräte Andreas Beerli und Thomas Pleines vorgeschlagen. Sie sollen an der Generalversammlung im April 2022 gewählt werden und künftig auch ihre «Expertise von digitalen Veränderungsprozessen» einbringen.

Diversität entwickelt sich rasant

Insgesamt beschäftigen heute 69 Prozent der Schweizer Unternehmen laut Schilling-Report mindestens eine Frau in der Geschäftsleitung. Vor vier Jahre lag dieser Wert noch bei 41 Prozent. Guido Schilling zeigt sich erfreut über diese Entwicklung: «Noch nie war eine solche Dynamik zu spüren und das Bewusstsein von Verwaltungsrat und Unternehmensleitung betreffend einer ausgewogenen Geschlechterdurchmischung so gross wie aktuell.» Die Unternehmen hätten allein in den vergangenen 48 Monaten einen «Riesensprung» in diesem Generationenprojekt vollzogen.

Mit den bereits erreichten Quoten wird ‒ zumindest was den Durchschnitt der Unternehmen betrifft ‒ der im Aktienrecht festgeschriebene und ab 2031 verbindliche Geschlechterrichtwert von 20 Prozent Frauen im obersten Management schon so gut wie erreicht. Bei den Verwaltungsräten folgte dieses Jahr eine Punktlandung mit 30 Prozent, die so laut Schillingreport den Richtwert bereits drei Jahre vor Ablauf der Übergangsfrist erreicht haben.

Luft nach oben bleibt weiterhin

Immer noch gibt es in  31 Prozent der SMI-Unternehmen keine Frau in der Geschäftsleitung. Guido Schilling erwartet allerdings auch hier rasche Veränderungen. Ein Blick ins Ausland zeige, dass die Schweiz deutlichen Nachholbedarf habe. Zahlreiche europäische Länder, darunter Schweden und Grossbritannien, hätten auch ohne Richtwerte einen soliden Frauenanteil in den Geschäftsleitungen erreicht.