Die Passanten bleiben verwundert stehen. An der Quartierstrasse hängt ein auffälliges F-12-Plakat mit einer aufmunternden Message. «Spielst du auch mit mir?» steht da mehr oder weniger zweideutig zu lesen. Darunter eine Homepage-Adresse. Das Ganze nennt sich Tigergolf, was optisch mit einem Raubtier gleicher Gattung sowie einer jungen, attraktiven Frau illustriert wird, die rittlings auf der Katze sitzt. Im Hintergrund prangt - inhaltlich nicht eben zwingend - das Matterhorn. Neben dieser ebenso exotischen wie schrägen Idylle steht angeschnitten ein Golfsack, also ein Golfbag.
Fast alle kennen Tiger Woods
Man kann die Leute verstehen, welche - die Botschaft nicht wirklich kapierend - kopfschüttelnd weitergehen. Doch eines bleibt haften: Tigergolf. Auch Passanten, die nichts mit Golf am Hut haben, kennen Tiger Woods, der seit Jahren den Golfsport dominiert wie kein anderer zuvor und seit Ewigkeiten die Weltrangliste anführt. Der Amerikaner ist in den Medien dermassen präsent, dass sogar Golfmuffel seinen Namen kennen.
Aber Tigergolf? Was hat das mit dem berühmten Golfstar zu tun? Hat er damit begonnen, eine eigene Schlägermarke auf den Markt zu bringen? Der Gedanke wird, so schnell er gekommen ist, wieder verworfen, denn auf dem Plakat steht nirgendwo der Name Woods. Nur Tigergolf. Das bleibt haften.
Das Wichtigste: Brand aufbauen
«Genau das wollten wir», schmunzelt Samuel Manz. «Erstes Ziel ist es, den Brand aufzubauen, die Marke bekannt zu machen.» Das scheint gelungen zu sein, denn allenthalben melden sich bei Manz und seinem Partner Andreas Oggier Medien und Passanten, die genauer wissen wollen, worum es denn bei Tigergolf geht. Die Kontakte auf www.tigergolf.ch haben dank dem Plakataushang markant zugenommen.
Manz und Oggier empfangen uns im benachbarten Restaurant, weil in ihrem Büro an der Universitätstrasse in Zürich gerade der Lift restauriert wird und der Baulärm unerträglich ist. Die zwei 26-Jährigen, die in Zürich Seebach zusammen die Primarschule besucht haben, erzählen, wie es dazu gekommen ist, dass sie 2006 die Firma Tigergolf gründeten, welche ein günstiges Einsteigerset mit 13 Schlägern sowie einen Bag herstellt und vermarktet.
Die beiden Jungunternehmer haben in Zürich zusammen Ökonomie studiert und bereits während des Studiums daran gedacht, einmal ins Golfbusiness einzusteigen. «Wir haben die Märkte in den USA und Grossbritannien mit der Schweiz verglichen und festgestellt, dass da ein erheblicher Unterschied im Preisniveau besteht», erklärt der gebürtige Walliser Oggier, der in jungen Jahren erfolgreicher Leichtathlet war und als 100-m-Sprinter an der Junioren-WM einmal auf Rang 10 lief.
Doch von der Feststellung bis zur Lancierung einer eigenen Firma ist es meist ein weiter Weg. Als Erstes beginnen die beiden, Interessenten für ihre Idee zu suchen. Sie schreiben weltweit 250 Firmen an, die mit der Produktion von Golfschlägern zu tun haben. Die Begeisterung allfälliger Lieferanten hält sich - nicht unerwartet - allerdings in Grenzen. Kein Mensch wartet auf die beiden Schweizer und ihre Idee respektive auf einen neuen Brand.
Am Schluss kommt der gewünschte Kontakt zu einem chinesischen Hersteller in der Pro-vinz Fujian durch einen Kolle- gen zustande, der in China studiert.
Günstiger als etablierte Marken
Ende 2006 erhalten die beiden Zürcher das erste Muster ihres Einsteigersets. Der Schaft ist zu 100% aus Graphit, der Kopf der Eisen aus geschmiedetem Edelstahl, jener der Hölzer aus einer geschmiedeten Legierung (Forged Alloy) und der Griff aus Gummi. Da die beiden Jungunternehmer selbst nur gelegentlich auf der Driving Range Bälle schlagen, aber nicht wirkliche Golfer sind, engagieren sie Golflehrer Tyrone Renggli, der damals als Pro in Bubikon tätig war und gegenwärtig zusammen mit seinem Vater in Thailand ein Golfresort aufbaut. Renggli testet die Schläger und befindet sie für gut.
Die beiden Unternehmer sind sich einig, dass sie nur mit einem Einsteigerset eine Chance haben, sich im Golfmarkt zu etablieren. «Schon mehrere haben es mit Luxusprodukten versucht, sind aber gescheitert, weil die etablierten Marken einfach zu stark sind», stellt Manz fest, der sich schon als kleiner Junge immer als Erfinder und Unternehmer sah.
Mit Begeisterung erzählt Manz von der Herausforderung, einen Brand zu lancieren. «Es ist ein tolles und motivierendes Erlebnis, eine Marke von Grund auf aufzubauen. Dies ist wesentlich anforderungsreicher, als einfach einen Zwischenhandel zu betreiben.»
Marken scheinen die grosse Leidenschaft von Manz zu sein. Seine Augen beginnen zu leuchten, wenn er Vergleiche zwischen Lacostes Krokodil und seinem Tiger herstellt, der nicht nur Schläger und Bag ziert, sondern auch auf Accessoires prangt. Auf den Eisen ist ein blauer Farbbatch aus Harzplastik angebracht, und auf den Hölzern erkennt man den Tiger als Gravur. Neben T-Shirts wird Tigergolf in Zukunft auch Handschuhe, Caps und Bälle im Sortiment haben. Das Logo ist, wie auch die Gestaltung des Plakates, ein Gemeinschaftswerk der beiden Jungunternehmer.
Symbol für Eleganz und Kraft
Was steckt hinter der Idee, ein Golfset mit einem Tiger in Verbindung zu bringen, ausser vielleicht der Bezug zum besten Golfer der Welt? «Natürlich schadet es nicht, wenn man unsere Marke mit Eldrick genannt «Tiger» Woods in Verbindung bringt. Dies war aber nicht das ausschlaggebende Moment», erklären die zwei. Sie überlegen sich vielmehr lange, welches optische Symbol sich als Wortbildmarke am besten eignet und das gleichzeitig Eigenschaften und Werte wie Eleganz, Kraft und Sportlichkeit ausstrahlt. So kommen sie auf den Tiger. Ein Wort, das ausserdem auch in anderen Sprachen verstanden wird. Klar nehmen die beiden markenrechtliche Abklärungen vor, welche ergeben, dass das Wort Tiger nicht geschützt werden kann.
Seit Frühjahr 2007 ist das Set von Tigergolf serienmässig in Produktion. Weil die Schläger bisher praktisch ausschliesslich über Internet verkauft werden, ist es wichtig, die Internetadresse unter die Leute zu bringen. Das erreichen Manz und Oggier mit ihrem Plakat, das immerhin an 250 Stellen im Grossraum Zürich ausgehängt wurde. «Bisher hat noch kein Golfschlägerhersteller dieses Medium als Werbeträger verwendet», sind sich die beiden sicher, «schon deshalb fällt es besonders auf und fördert die Bekanntheit.» Um diese weiter voranzutreiben, organisieren sie zudem Tiger Days, Demoveranstaltungen, bei denen man das 599 Fr. kostende Set kennen lernen und testweise spielen kann. Momentan sind Manz und Oggier daran, Kooperationen mit verschiedenen Schweizer Unternehmungen anzugehen. Dabei bieten sie Customized-Lösungen an, zu welchen Co-Brandings und massgeschneiderte Gesamtproduktionen gehören.
Zwei Jahre ist Tigergolf inzwischen auf dem Markt. Wie Manz und Oggier bestätigen, mit schönem Erfolg. Auch wenn sie sich diesbezüglich sehr zurückhaltend geben, verraten sie, dass bisher Sets in der Grössenordnung einer tiefen dreistelligen Zahl verkauft worden sind. «Wir schreiben schwarze Zahlen», meinen sie nicht ohne Stolz. Kein schlechter Anfang für zwei Uniabgänger, die nebenbei noch ihre Diplomarbeit verfassen müssen.