Nicht kleckern, sondern klotzen. So lautet das Gebot der Stunde, wenn es um die Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie geht.

Rund um den Globus schnüren Regierungen Rettungspakete, die viel Geld kosten – sehr viel Geld: Der IWF schätzt, dass die Staatsverschuldung in den Industriestaaten in diesem Jahr von 90 auf 122 Prozent der Wirtschaftsleistung ansteigen wird.

Bedenken gegenüber diesen Schuldenständen wird uni­sono mit dem gleichen Argument begegnet: In der Krise müsse der Staat massiv Geld ausgeben, um die Realwirtschaft anzukurbeln.

Und sowieso: Nicht der Grad der Verschuldung sei entscheidend, sondern die Fähigkeit, die Schulden zu tragen. Und unter diesem ­Gesichtspunkt befinde man sich noch weit von einem kritischen Wert entfernt.

Kann man sich wirklich an den eigenen Haaren aus dem Schlamm ziehen?

Das Kalkül dahinter: Solange die Inflation nicht überschiesst und das Zinsniveau einerseits niedrig bleibt und anderseits unterhalb des Wirtschaftswachstums liegt, ist der Schuldendienst für die Staaten nahezu umsonst, während sich das Verhältnis Schulden zu BIP Jahr für Jahr verringert.

Diese Überlegungen sind nicht falsch – auch wenn sie ein wenig an die literarische Figur des Barons von Münchhausen erinnern, der sich an den eigenen Haaren aus dem Schlamm zog. Allerdings basieren die Annahmen auf einem zusehends brüchigen Fundament.

Denn erstens ist es keinesfalls sicher, dass die Teuerung angesichts der enormen Liquiditätsschwemme und allenfalls noch lange gestörter Produktionsketten auch mittelfristig auf dem aktuell tiefen Niveau verharren und nicht über die Zielmarke von knapp 2 Prozent schiessen wird.

Santosh Brivio ist Senior Economist der Migros Bank. Er befasst sich mit der Analyse der Makro- und Konjunkturentwicklung sowie dem Geschehen an den Finanzmärkten.

Ob die grossen Notenbanken in einem solchen Fall von der Politik des Anleihenankaufs ab­rücken, ist zumindest fraglich, sichern diese Programme doch den Staaten niedrige Schuldzinsen und den Absatz neuer Anleihen.

Zweitens verlieren die Treiber der globalen Konjunktur immer mehr an Schwungkraft. Die Globalisierung – der Motor des weltweiten Wachstums schlechthin – ist spätestens seit Amtsantritt von Donald Trump augenfällig ins Stottern geraten. Lauter werdende Forderungen, die Wertschöpfung wieder vermehrt national zu generieren, lassen eine weitere Erosion des globalen Handels befürchten.

Auch in Corona-Zeiten rücken die nächsten Wahlen näher

Es kann also nicht schaden, bereits heute über das Rückführen der Schulden nachzudenken. Bloss tun sich die Regierenden damit schwer und betonen stattdessen vielmehr, dass eine zu früh verordnete Austerität eine konjunkturelle Erholung bereits im Keim ersticke.

Was die Regierungen dabei gerne verschweigen: Kann die relative Entschuldung nur bedingt über das Wirtschaftswachstum erfolgen, können die tatsäch­lichen Schulden nur mittels Einnahmeerhöhungen oder Ausgabenkürzungen oder einer Kombination ­davon verringert werden. Das sind nicht eben die Lieblingsthemen von Politikern, denn auch in Corona-­Zeiten rücken die nächsten Wahlen näher.

Dass der Staat in schweren Krisen der Realwirtschaft unter die Arme greifen soll, bestreitet kaum jemand. Ebenso unbestritten ist, dass für diese Stützungsmassnahmen neue Schulden aufgenommen werden müssen.

Dass sich diese aber von selbst auflösen und sich die Staaten sozusagen am eigenen Schopf aus dem Schuldensumpf ziehen, erscheint mehr als zweifelhaft. Baron von Münchhausen bleibt vorerst doch eine Figur aus der Fantasiewelt.

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