Herr Frischknecht, wie wichtig sind Bewertungskennzahlen bei der ­Beurteilung von Investment-­Gelegenheiten?
Stefan Frischknecht: Sie sind ziemlich wichtig. Es verhält sich ähnlich wie beim Kauf eines Alltagsprodukts. Man muss sich Gedanken machen zum Preis und zur Qualität eines ­Produkts. Die Bewertungskennzahlen reflektieren den Preis eines Investments.

Die Aktie selber hat zwar einen nominellen Preis, aber eine ­Aktie, die 100 Franken kostet, ist deswegen nicht doppelt so teuer wie eine für 50 Franken. Es kommt nämlich darauf an, was man dafür bekommt.

Stefan Frischknecht ist Leiter Aktien Schweiz beim Fondsmanager Schroders.

Wenn ich sage, ich habe für 6 Franken Erde gekauft, dann weiss man nicht, ob es ein Sack von 5 oder 50 Litern ist und welche Qualität die Erde hat. Ich muss also sagen, dass ich für 12 Rappen pro Liter Blumenerde gekauft habe.

Erst mit den Bewertungskennzahlen weiss man also, was man genau kauft?
Ja. Wenn etwa die Aktie von Nestlé 109 Franken kostet und diejenige von Stadler Rail 37 Franken, dann bedeutet das nicht, dass die von Nestlé dreimal teurer ist als die von Stadler Rail.

Vielmehr muss man ­betrachten, was man dafür einkauft, zum Beispiel welchen Gewinn pro Aktie. Das geschätzte Kurs-Gewinn-­Verhältnis für 2021 beträgt bei Nestlé rund 23, bei Stadler Rail etwa 19. Diese Werte entsprechen nun dem Preis der Aktien und sind vergleichbar.

Kennzahlen beruhen immer auf Informationen aus der Vergangenheit. Macht es Sinn, einfach die Vergangenheit fortzuschreiben?
Jein. Natürlich kann man die künftige Entwicklung nicht eins zu eins aus der Vergangenheit ableiten. Die Vergangenheit zu betrachten, ist aber sicher sinnvoll bei Unternehmen, wo sich die Verhältnisse nicht gross verändert haben.

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«Auf keinen Fall nur auf eine Kennzahl verlassen.»

Das betrifft insbesondere Unternehmen, bei denen es keinen grossen technologischen Wandel gab und auch keine bedeutenden Zukäufe und Verkäufe zu verzeichnen waren. Darüber hinaus macht der Blick in die Vergangenheit grundsätzlich Sinn, denn man kann immer aus der Geschichte lernen.

Wenn ich zum Beispiel abschätzen will, wie stark ein Unternehmen in den nächsten drei Jahren wachsen wird, und ich lasse ausser Acht, welches Wachstum das Unternehmen in den vergangenen Jahren verzeichnet hat, dann habe ich schlicht meine Hausaufgaben nicht gemacht.

Soll man sich auf eine Kennzahl ­verlassen oder mehrere heranziehen?
Man soll sich auf keinen Fall nur auf eine Kennzahl verlassen. Denn wenn ein Unternehmen weiss, dass alle nur auf eine Kennzahl schauen, dann kann es diese gezielt opti­mieren und alles andere vernachlässigen. Zudem erhält man mehr Informationen über ein Unternehmen, wenn man mehrere Kennzahlen ­heranzieht.

Wie viele Kennzahlen soll man denn einbeziehen?
Ich denke, dass man mindestens fünf Zahlen betrachten sollte. Sicher gehören die Dividendenrendite und das Kurs-Gewinn-Verhältnis dazu. Darüber hinaus empfehle ich das Kurs-Buchwert-Verhältnis, den ­Enterprise Value zum Ebitda (EV/Ebitda) und den Enterprise Value zum Umsatz.

Wie komme ich als Privatinvestor an die entsprechenden Daten heran?
Heute ist das nicht mehr so schwierig wie früher. Es gibt diverse Internetportale und Finanzpublikationen, die einem solche Daten zur Verfügung stellen.

Anleger suchen stets den besten Zeitpunkt für ein Investment. Eine Analyse zeigt: Aktienkäufe lohnen an bestimmten Wochentagen deutlich mehr. Mehr hier.

Sechs Kennzahlen, an denen Sie unterbewertete Aktien erkennen. Mehr hier

Bei Swissquote zum Beispiel findet man das Kurs-Gewinn-Verhältnis und die Dividendenrendite für die Zukunft. Auf finanzen.ch gibt es noch einige Zahlen mehr. Bei geschätzten Kennzahlen sollte man aber immer im Auge behalten, wer diese Schätzung vorgenommen hat.

Wer kann einem bei einer solchen ­Datenanalyse helfen?
Es ist kaum zu vermeiden, dass man sich zuerst einmal selber mit ­einem Unternehmen auseinandersetzt und sich informiert, welche Produkte es hat, wie es in der Vergangenheit gewachsen ist und welche Innovationen es gemacht hat.

Wenn man einzelne Aktien auswählen will, erfordert es Denkarbeit. Ansonsten kann man die Vermögensverwaltung auch an einen Experten delegieren.