Viele Aktienkurse und Märkte sind auf Rekordhochs. Haben die Anlegerinnen und Anleger eigentlich deswegen Angst vor Aktien?
Christian Gattiker: 
Sowohl bei Umfragen als auch in längerfristig ausgerichteten Erhebungen stellen wir deutlich erhöhte Cash-Bestände fest. Wir sehen dies bei Kunden, die ihr Vermögen selbst verwalten. Vor der Finanzkrise 2008 lag die Cash-Quote bei Privatkunden bei knapp 10 Prozent, und jetzt beträgen diese das Zwei- bis Dreifache davon. Ich vermute, wir haben es mit einer 'traumatisierten' Aktionärsgeneration zu tun.

Wie meinen Sie das?
Diese Generation ging durch schwere Bärenmärkte: Die Dotcom-Krise von 2000, die Finanzkrise 2008, die Eurokrise 2011. In Europa hat man mit Aktien in den vergangenen 20 Jahren ausser mit Dividenden nichts verdient. Der Dax lief 20 Jahre seitwärts. Auch im SMI ist man erst in den vergangenen zwölf Monaten aus einer Seitwärtsbewegung beziehungweise immer wieder auftretenden Einbrüchen herausgekommen. Es herrscht ein mangelndes Vertrauen in Aktien ausserhalb der USA.

Ihre Beobachtung widerläuft eigentlich allen Einschätzungen und Prognosen, dass Aktien 'alternativlos' und eine der besten langfristigen Anlageklassen seien.
Klar, aber wir haben es mit einer Art Traumata oder zumindest starken Emotionen zu tun. Rational ist das nicht. Anlageprofis, Studien und die Wissenschaft sagen alle, dass Aktien langfristig Rendite bringen. Aber in den vergangenen Jahren ist die Skepsis gross gewesen. Die Leute hatten Angst vor dem Auseinanderbrechen der Eurozone, vor einem Zusammenbrechen des Finanzsystems, einem Ende der bestehenden Ordnung und natürlich zuletzt vor der Pandemie.

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Aber alles in allem floss viel Geld in Aktien.
Über den ganzen vermeintlichen Bullenmarkt hinweg haben wir Abzüge aus Aktienfonds gesehen. Geld ging in Geldmarktpapiere und Anleihen. Aber ja, dies widerspricht völlig der Logik. Psychologisch erklären kann man es.

Betreffen ihre Beobachtungen einen bestimmten Anlegertyp? Eher konservative, ältere Anlegerinnen und Anleger?
Es betrifft die Masse. Die Aktienkultur hat sich in Europa in den vergangenen zehn bis 15 Jahren mehr oder weniger ausgelöscht. Wenige sehen Aktien als langfristige Wertaufbewahrung oder Möglichkeit zur Wert- und Vermögenssteigerung. In den USA hat ein Mittelschicht-Haushalt eine Aktienquote mehr als 25 Prozent. Davon sind wir in Europa weit entfernt. Und wer bis für 10 oder 15 Jahren investiert war, ist es oft nicht mehr.

«In der Schweiz sind wir gerade erst am Anfang einer Aktien-Hausse.»

Christian Gattiker, Head of Research bei der Bank Julius Bär

Seit gut einem Jahr beobachten wir die Neo-Trader, also junge Menschen, die sich für Aktien begeistern und risikofreudig sind. Ein Umkehrtrend?
Diese Risikofreude ist ja altersbedingt völlig rational. Es ergibt absolut Sinn, im jungen Alter hohe Risiken einzugehen. Da tut sich etwas - bis diese Generation aber von ihrer Vermögensgrösse am Markt bestimmend ist, wird noch lange dauern. Die Vermögen sind heute immer noch anderswo konzentriert. In Europa werden grosse Vermögen erst später durch Erbschaften weitergegeben werden.

Ihrer Argumentation zufolge müsste aber im Moment für alle ein guter Zeitpunkt sein, in Aktien zu investieren und auch noch einzusteigen.
Ja, natürlich. Nur stülpt man im Moment über die Betrachtung, dass Aktien zu riskant seien, noch die Betrachtung, dass es sowieso schon zu spät sei. Man war immer in Anleihen investiert und verpasste vermeintlich den Boom und ist jetzt nur noch ängstlicher. Alles sieht teuer aus. Aber eine Hausse kann ja nichts anderes sein als eine Aneinanderreihung von Höchstständen.

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Es mag sein, dass viele im Umgang mit Geld einfach nur vorsichtig sein wollen.
Ich rate niemandem von der Vorsicht ab! Am Ende des Tages, wenn wir zurückblicken, können wir ausserhalb des US-Marktes und der Innovationsbörse Nasdaq eigentlich nicht von einem Boom sprechen. Intuitiv denken wir, wir seien im Jahr 13 des Booms. Aber das stimmt nicht. In der Schweiz und in Europa sind wir gerade erst am Anfang einer Aktien-Hausse.

Sicher?
Ja, ich weiss, diese Meinung findet nicht viel Widerhall. Aber mir ist wichtig, darauf hinzuweisen. Allein die erneute Dollar-Schwemme seit vergangenem Jahr wird die Kurse weiter antreiben und die Aktienmärkte auf neue Höchststände treiben.

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Keine Angst vor Rückschlägen?
Korrekturen von 5 oder 10 Prozent gibt es Jahr für Jahr. Auch einmal 20 Prozent. Dies wird es immer geben. Aber man muss in der Situation, in der wir jetzt stecken, investiert sein. Und wenn man es nicht ist,  muss man Wege finden, aus der psychologischen Falle zu treten.

Was wäre ein solcher Weg?
Eigentlich spielt es langfristig bei der Betrachtung der Rendite kaum ein Rolle, ob ich sofort voll investiert bin oder gestaffelt anlege. Das gestaffelte Anlegen ist aber so eine Methode, um psychologischen Fallen zu entkommen. Dann verliert sich die Angst, im vermeintlich falschen Moment zu investieren. Grundsätzlich bin ich aber dafür, von Anfang an voll investiert zu sein.

Für jene, die auch gern in individuelle Titel investieren: Im Schweizer Aktienmarkt sind im ersten Halbjahr Zykliker gut gelaufen. Sollte man hier langsam skeptischer werden?
Wir haben die zyklischen Wetten schon im Lauf des ersten Halbjahres glattgestellt. Der nächste grosse Lackmustest kommt jetzt mit der Berichtssaison. Da herrscht eine gewisse Unsicherheit, denn den Höhepunkt der Beschleunigung im Wirtschaftswachstum haben wir hinter uns. Jetzt steht vermutlich der Höhepunkt der Beschleunigung in den Unternehmensgewinnen an, wie wir in der Berichtsaison wohl sehen werden. In den USA mit dem ausgewogenen Index S&P 500 erwarten die Analysten für das zweite Quartal 20 Prozent Umsatzwachstum und mehr als 60 Prozent Plus beim Gewinn. Natürlich hat dies mit der tiefen Basis vom Vorjahr und der starken Erholung zu tun, aber das sind nichtsdestotrotz brutal hohe Werte. Für die Zykliker kann man nur bedingt etwas ableiten. Der Markt für zyklische Aktien ist breit wie ein Scheunentor. 

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Wenn Sie die Berichtsaison als Test einstufen - worauf sollte man achten?
Interessant wird sein, wie gross der Hebel zwischen Umsatz und Gewinn sein wird. 20 Prozent Umsatz, 60 Prozent Gewinn: Dies wäre ein Hebel mit dem Faktor 3. Die Frage stellt sich: Werden solche extremen Erwartungen erfüllt? Nun, ist ist schwierig, dies jetzt in ein Modell zu fassen. Aber noch interessanter als der Hebel wird sein, wie der Markt auf die Zahlen reagieren wird. Wenn wir auf starke Gewinnssteigerungen grössere Gewinnmitnahmen sehen, können wir davon ausgehen, dass der Höhepunkt bei den Zyklikern in der Marktsicht überschritten ist. Wenn der Markt aber mit Zukäufen reagiert, dann kommt noch einmal eine Runde bei den Zyklikern. Die Lage ist offen. Allein auf Basis von Erwartungen an die Zahlen zu investieren, ist für mich eine Lotterie. Überraschungen sind sehr gut möglich, aber wir müssen beobachten, wie die Märkte damit umgehen.

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Und was wäre ein angemessene Reaktion der Anleger?
Bei enttäuschten Reaktionen wird sich bei qualitativ guten Firmen die Gelegenheit für Zukäufe oder eine Austockung bei einer Aktie bieten.

«Ich glaube, dass die Märkte wieder mehr in die Wachstumstitel gehen.»

Christian Gattiker, Head of Research bei der Bank Julius Bär

Sehen Sie eine grössere Zuwendung zu den defensiven Aktien?
Diese sehen wir am Schweizer Aktienmarkt schon seit einigen Wochen. Ich glaube auch, dass die Märkte wieder mehr in die Wachstumstitel gehen. Ich bezweifle aber, ob man so stark auf diese Rotationen schauen sollte.

Warum?
Die Rotationen haben zu grossen Wellen geführt. Erst ganz aus Aktien heraus im März 2020, dann zurück erst in die ganz sicheren Aktien, dann zu den Zyklikern. Am Schluss ging man in Bank-Aktien. Aber für Anleger wird es immer schwieriger, dies zu timen. Die Erholung ist vorweggenommen, sie wird im Moment nur noch überprüft. Jetzt geht es eher darum, was nach der grossen Erholung kommt. Darum werden wir auch immer mehr solcher Kurz-Rotationen sehen. Ähnlich grosse Gelegenheiten wie letztes Jahr dürfte es kaum mehr geben. Deshalb sollte man eher bei Aktien, auf die kurz eingehämmert wird, nach Kaufgelegenheiten suchen.

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Bei welchen Aktien sehen Sie in der Gewinnsaision solche Gelegenheiten?
ABB wird in den nächsten Jahren massiv Geld an die Aktionäre auszahlen. Fundamental bieten sich auch Givaudan und LafargeHolcim an. Nestlé und Roche sind für Privatanlegerinnen und Privatanleger langfristig eigentlich immer ein 'Buy' und sind gerade bei Schwächen gute Zukaufgelegenheiten. Bei den Versicherern empfehlen wir im SMI  Zurich und Swiss Life und im breiten Markt Helvetia.

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Die Schweizer Versicherer haben die Kurse von vor der Krise noch nicht erreicht. Aber gerade für die ängstlichen Marktteilnehmer, die Sie am Anfang erwähnten, müssten diese stabilen Firmen doch eigentlich kaufen.
Absolut. Das sind werthaltige Firmen. Value-Aktien für geduldige Anleger.

Schauen Sie auch Aktien ausserhalb des SMI an?
Lindt&Sprüngli dürfte dank des Ostergeschäfts gute Zeichen der Erholung aufweisen. Beim Langfrist-Thema Biotechnologie bieten sich mit BB Biotech ebenso langfristige Chancen. Georg Fischer hat sich vom Zykliker zu einem recht stabilen Wert gemausert, wobei der Hebel, von dem ich vorher sprach, in den zyklischen Sparten natürlich auch noch sehr gross ist. Bei Georg Fischer wird es sehr interessant sein, wie der Markt auf die Zahlen reagiert. Langfristig ist der Titel sehr geeignet und bei Schwächen sollte man unbedingt zukaufen.

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