Wie Premierminister Giuseppe Conte am Montag in Rom bekannt gab, werden die Coronavirus-Auflagen übers ganze Land gestreut. Grössere Versammlungen sind ab Dienstag verboten. Die Bevölkerung wird aufgefordert, zuhause zu bleiben: Ausnahmen – insbesondere für Reisen – seien nur noch für wichtige berufliche, gesundheitliche und andere drängende Anforderungen möglich.

«Wir müssen alle etwas aufgeben für das Wohl Italiens», sagte der Regierungschef auf einer kurzfristig einberufenen Abend-Medienkonferenz: «Wir müssen es jetzt tun, und wir werden es nur schaffen, wenn wir alle zusammenarbeiten und uns an diese strengeren Massnahmen anpassen.»

Was heisst das konkret?

Das öffentliche Nachtleben wird unterbunden. Abfliegende Passagiere – sofern es nicht ausländische Kurzzeitbesucher sind – müssen eine Begründung vorweisen. Dasselbe gilt für einreisende Flugpassagiere. 

Auf den Bahnhöfen kommt es zu Temperaturkontrollen. Diverse italienische Häfen bleiben für Kreuzfahrtsschiffe gesperrt.

WHO befürchtet Pandemie

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht angesichts der stark wachsenden Zahl an Coronavirus-Fällen jetzt die Gefahr einer Pandemie. «Da das Coronavirus in so vielen Ländern angekommen ist, ist die Gefahr einer Pandemie sehr real geworden», sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus am Montag in Genf. «Aber es wäre die erste Pandemie in der Geschichte, die kontrolliert werden kann», fügte er hinzu.

Die Eindämmungsmassnahmen zahlreicher Regierungen seien wichtig und richtig, um so viele Menschen wie möglich vor einer Ansteckung zu schützen. «Es gibt viele Beispiele von Ländern, die gezeigt haben, dass die Massnahmen helfen», sagte der WHO-Chef weiter.

Es gibt keine offiziellen Kriterien der WHO, ab wann ein Krankheitsgeschehen als Pandemie einzuordnen ist. Landläufig wird darunter eine Krankheit verstanden, die sich unkontrolliert über Kontinente hinweg ausbreitet.

Schweizer Tourismus rechnet mit Verlust von über einer halben Milliarde

Und auch für die Schweizer Hotellerie sieht es wegen des Coronavirus düster aus. Die Marketing- und Verkaufsorganisation Schweiz Tourismus rechnet für das Gesamtjahr 2020 mit einem Umsatzverlust von über einer halben Milliarde Franken, wie Direktor Martin Nydegger sagte.

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Ausländische Gäste dürften heuer rund 2,1 Millionen Übernachtungen weniger buchen als im Vorjahr. Das ergebe einen Verlust von rund 532 Millionen Franken. Und das sei nur der touristische Umsatz, sagte Nydegger. Nicht eingerechnet seien hier die Ausfälle für die Gastronomie oder die Messen.

Schweizer Gäste bleiben treu

Den Einbruch im 2020 könnten die Schweizer nicht ausgleichen. Inländische Gäste dürften bis Ende Jahr rund 400'000 zusätzliche Übernachtungen in hiesigen Hotels buchen, schätzt Nydegger. Dies werde rund 56 Millionen Franken mehr Umsatz bringen.

«Das werden nicht alle überleben. Es wird bedauerlicherweise zu Schliessungen führen», sagte Nydegger. Die Gewinnmargen in der Branche seien dünn. Viele Betriebe könnten daher auch in guten Zeiten gar nicht genügend Polster auffüllen, um eine solche Krise zu überstehen.

Wegen des unerwarteten externen Schocks sei der Ruf nach Unterstützung der Branche durch die Politik gerechtfertigt, sagte Nydegger.

Zudem appellierte der Schweiz-Tourismus-Chef an die Banken, sich kulant zu zeigen. Ausserdem müsste Kurzarbeit einfacher beantragt werden können. Mit alledem könnte man eine Pleitewelle immerhin abbremsen.

Nach der Fed nun die EZB?

Derweil spekulieren Investoren am Geldmarkt wegen der Coronavirus-Krise inzwischen auf zwei Zinssenkungen der EZB bis Anfang Juni.

Wie aus den Kursen am Montag hervorging erwarten Anleger mittlerweile zu 100 Prozent, dass die Europäische Zentralbank bis dahin ihren sogenannten Einlagenzins in zwei Schritten um zusammen 0,20 Prozentpunkte auf minus 0,70 Prozent senken wird. Vergangene Woche wurde bis Anfang Juni nur eine Zinssenkung um 0,10 Prozentpunkte erwartet.

Die Coronavirus-Krise und der Ölpreiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland lösten am Montag massive Börsenturbulenzen aus. Die langfristigen Inflationserwartungen für die Euro-Zone sanken auf historische Tiefstände.

Italien fordert EU-Hilfe

In Italien ruft die Regierung die Europäische Union dazu auf, ein Massnahmenpaket zur Bekämpfung der Folgen der Coronavirus-Epidemie aufzulegen. Dies müsse in Abstimmung mit der gesamten internationalen Gemeinschaft geschehen, erklärt das Wirtschaftsministerium in Rom.

Ministerpräsident Giuseppe Conte kündigt zugleich eine weitere Steigerung der Staatsausgaben als «massive Schocktherapie» zur Bewältigung der wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie an.

Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire fordert die Europäische Zentralbank zur Unterstützung von Unternehmen auf. Er erwarte von der EZB Entscheidungen, Firmen beim Kapitalfluss zu helfen.

Banken dürften durch bestimmte Vorschriften nicht daran gehindert werden, Geld an Unternehmen zu verleihen. Die Europäische Investitionsbank müsse als Reaktion auf die Coronavirus-Epidemie Mittel zur Verfügung stellen.

 

 

Grenze zur Lombardei offen für Grenzgänger

Die Grenze zwischen Italien und der Schweiz bleibt für Grenzgänger offen. Das hat der italienische Aussenminister Luigi Di Maio gegenüber Ignazio Cassis in einem Telefongespräch angekündigt.

Alle Erwerbstätigen können sich weiterhin fortbewegen, um ihrer Berufstätigkeit nachzugehen, und das sowohl zwischen den italienischen Regionen wie auch zwischen der Schweiz und Italien. Der Fortbestand des Tessiner Gesundheitssystems sollte damit gesichert sein, schreibt der Bundesrat

Für alle anderen Aktivitäten wurden von den italienischen Behörden Einschränkungen erlassen. So wird Menschen aus der Schweiz verlangt, dass sie sich nicht in die betroffenen Regionen begeben. Die Grenze bleibt auch offen für den Warenverkehr.

Die italienische Polizei wird Kontrollen durchführen, damit die Quarantänen eingehalten werden. So haben die italienischen Behörden auch an der Grenze zur Schweiz ein Monitoringsystem eingerichtet, um zu überprüfen, dass nur erlaubte Fahrten stattfinden. Auch die Schweiz wird ein Monitoringsystem einrichten, dessen Modalitäten in den nächsten Stunden definiert werden. 

Im Kampf gegen die Coronavirus-Epidemie hatte Italiens Regierung in der Nacht zum Sonntag Gebiete im Norden des Landes mit mehreren Millionen Einwohnern unter Quarantäne. Seither gilt für grosse Teile Norditaliens ein grundsätzliches Ein- und Ausreiseverbot.

Italien sperrt damit die wirtschaftsstarke Lombardei und 14 andere Regionen weitgehend ab, darunter die Wirtschaftsmetropole Mailand und der Touristenmagnet Venedig. Das verkündete Ministerpräsident Giuseppe Conte in der Nacht. Er habe das entsprechende Dekret unterschrieben.

Man darf diese Zonen nur aus «ernsten und unvermeidlichen» Anlässen betreten oder verlassen, etwa zum Zwecke der Arbeit oder aus familiären Gründen, hiess es. Die Beschränkungen sollen mindestens bis zum 3. April in Kraft bleiben.

Die betroffenen Provinzen sind (abgesehen von gesamten Region Lombardei mit gut 10 Millionen Einwohnern): Alessandria, Asti, Lodi, Modena, Novara, Padua, Parma, Pesaro E Urbino, Piacenza, Rimini, Reggio-Emilia, Venedig, Verbano, Varese, Vercelli, Treviso.

Für die Bevölkerung der betroffenen Landesgegenden werden harte Einschränkungen erlassen: Fitnessstudios, Schwimmbäder, Spas, Museen, Kulturzentren, Kinos, Theater und Skigebiete müssen ihre Pforten schliessen. Einkaufszentren dürfen nur von Montag bis Freitag geöffnet sein.

Die neuen Ankündigungen der italienischen Regierung dürften den Alltag der insgesamt rund 60 Millionen Bürger weiter verändern, nachdem die bisher schon getroffenen Massnahmen wie landesweite Schulschliessungen bereits viele täglich treffen.

«Wir stehen vor einer nationalen Notlage», sagte Conte. «Wir haben sie von Anfang an mit maximalen Vorsichtsmassnahmen bekämpft», ergänzte der Ministerpräsident. «Wir haben zwei Ziele: Die Ausweitung der Ansteckung einzudämmen und eine Überlastung der Krankenhauseinrichtungen zu vermeiden.»

Die Mobilität werde nicht komplett gestoppt, sagte Conte. So gebe es keinen Stopp für Flüge und Züge. Aber eine Fahrt müsse einen Grund haben und die Polizei könne Menschen anhalten und danach fragen.

Dossier

Die Weltwirtschaft und das Coronavirus – News und Hintergrund, Fakten und Einschätzungen.

Italien hatte für die Bekämpfung des neuartigen Erregers und zur Unterstützung von betroffenen Familien und Unternehmen einen 7,5 Milliarden Euro schweren Hilfsplan aufgelegt. 6,35 Milliarden davon sollen über neue Schulden finanziert werden. Das Haushaltsdefizit für 2020 steigt dadurch von 2,2 auf 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung.

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Was lehrt die Geschichte?

Der internationale Luftfahrtverband Iata rechnet wegen der Coronavirus-Krise mit deutlich höheren Umsatzeinbussen im Passagiergeschäft. Je nach Verlauf der Epidemie dürften die Airlines weltweit in diesem Jahr 63 bis 113 Milliarden Dollar weniger einnehmen. Bei seiner vorherigen Einschätzung am 20. Februar war der Verband noch davon ausgegangen, dass sich das Minus auf 29,3 Milliarden Dollar belaufen werde.

Die angeschlagene britische Fluggesellschaft Flybe gibt als erste auf. Die Corona-Krise hat zur ersten Pleite einer Airline geführt: Der ohnehin schon angeschlagene britische Regionalflieger Flybe meldete in der Nacht zum Donnerstag Insolvenz an. Die vor 41 Jahren gegründete Airline erklärte, sie habe den durch die Epidemie verursachten Einbruch der Reisenachfrage nicht länger verkraften können. «Alle Flüge bleiben am Boden, und das Geschäft ist mit sofortiger Wirkung eingestellt», teilte Flybe mit.

An dem unter Überkapazität leidenden Flugmarkt in Europa läuft schon seit 2017 eine Pleitewelle. Diese könnte sich wegen der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus, die den Luftverkehr hart trifft, beschleunigen, erklärten in dieser Woche erst Lufthansa-Chef Carsten Spohr und Air-France-KLM-Boss Ben Smith auf einer Branchenkonferenz in Brüssel.

Die Fluggesellschaften leiden derzeit unter der mangelnden Reisefreudigkeit infolge der sich weltweit ausbreitenden Lungeninfektion. British Airways, Easyjet, Lufthansa und United Airlines kündigten wegen der vielen Flugausfälle bereits Einsparungen an. Der Billigflieger Norwegian Air gab am Donnerstag sein Ziel auf, nach drei Jahren mit Verlust 2020 schwarze Zahlen zu schreiben.

Überblick: Folgen für die Wirtschaft

  • Das optimistische Szenario. Mehr hier.
  • Das pessimistische Szenario. Mehr hier.
  • MCH Gruppe verschiebt Baselworld auf 2021. Mehr hier.
  • Bundesrat verbietet Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen. Mehr hier.
  • Fünf Gründe gegen Panikverkäufe an den Börsen. Mehr hier.
  • Die Warnzeichen für die Weltwirtschaft mehren sich. Mehr hier.
  • Genfer Uhrensalon wird wegen Epidemie abgesagt. Mehr hier.
  • Erste Engpässe: Galaxus erhöht wegen Coronavirus Preise. Mehr hier.
  • So belastet der Coronavirus die Swiss. Mehr hier.
  • Rudolf Minsch: «Die Auswirkungen des Coronavirus sind viel einschneidender». Mehr hier.HZ+
  • Bulgari-CEO: «Mir war klar, dass wir das Coronavirus sehr ernst nehmen werden». Mehr hier.HZ+
  • Luftreiniger: Der heimliche Verkaufsrenner in der Corona-Krise. Mehr hier.HZ+
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